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Zwischen Tradition und Sport – wenn beides geliebt und gelebt wird!

„Das haben wir immer so gemacht – das ist Tradition!“

Na? Kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor? Ja, dieser Satz ist ziemlich bekannt und er hat eine starke Wirkung. Denn er löst die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Manch einer rollt wahrscheinlich schon beim Lesen mit den Augen, andere wiederum werden zustimmend mit dem Kopf nicken. Aber was hat es denn mit der Tradition so auf sich? Warum kommt es bei einem solchen Thema schnell mal zu Konflikten? Welche Schwierigkeiten können im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Satz und unserer schnelllebigen Welt entstehen? Vielleicht hilft ein Einblick in die Gedankenwelt eines Menschen, der genau dazwischen steht, beides kennen und lieben gelernt hat …

Ach ja, die liebe Tradition. Oder nicht? Die Frage, was genau jemanden an der „Tradition“ so stört, lässt sich oft schwer beantworten. Denn oft sind es Zusammenhänge und nicht die Tatsache allein, dass es Traditionen, Bräuche und all das gibt. Tradition hat zudem viele Gesichter. Tradition versteckt sich sogar bei vielen von uns im Alltag. Kaum zu glauben, aber wahr. Definieren wir mal das Wort Tradition, stellen wir fest, dass es folgendes bedeutet:

Tradition:

Etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o. ä. in der Geschichte von Generation zu Generation (innerhalb einer bestimmten Gruppe) entwickelt und weitergegeben wurde (und weiterhin Bestand hat).

Das Tradieren (selten)

„Die Tradition dieser Werte ist unsere Pflicht.“

Es gibt wahrscheinlich noch viel mehr Definitionen, aber erstens würde es den Rahmen sprengen und zweitens entspricht diese Definition am ehesten den Erfahrungen, die die meisten von uns erleben. Vieles in unserem Leben beruht also auf gut gemeinten Werten und weitergegebenen Bräuchen uns vorausgegangener Generationen. Darunter fallen so viele Festlichkeiten wie zum Beispiel: St. Martin, Weihnachten, Karneval uvm.

Nehmen wir Weihnachten. So manch einer folgt zu Weihnachten bestimmten Abläufen. Der Weihnachtsbaum wird zu einem bestimmten Zeitpunkt geschmückt. Essen gibt es jedes Jahr zur gleichen Zeit (bei manchen gibt es sogar jedes Jahr das immer wiederkehrende Gericht) und obwohl sich das alles Jahr um Jahr wiederholt, genießen die Menschen Weihnachten und diese gemeinsame Zeit.

Diese, da ist sie wieder, „Tradition“ tut uns gut. Sie erinnert uns vielleicht an unsere eigene Kindheit und wir verknüpfen dies mit schönen Erinnerungen. Omas selbstgebackener Kuchen darf zu Weihnachten einfach nicht fehlen, weil wir uns schon als Kinder immer so sehr auf diesen Kuchen als Nachtisch gefreut haben. Da nehmen wir auch gerne in Kauf, dass Oma immer auf einem ganz bestimmten Stuhl sitzen möchte, oder einen besonderen Platz am Tisch einnimmt, wo sie alle Familienmitglieder gut sehen kann – und warum machen wir das? Ja! Weil es doch schon immer so war. Tradition eben.

Traditionen sind anpassbar und das ist das Schöne an ihnen. Wenn wir bei Weihnachten bleiben, müssen unsere eigenen Kinder vielleicht nicht mehr das Weihnachtsgedicht aufsagen oder auf Blockflöte ein musikalisches Kunststück vollbringen – stattdessen singt jetzt die ganze Familie ein schönes Weihnachtslied gemeinsam oder man entscheidet sich für etwas ganz anderes. Was es auch sein mag, diese kleine Änderung wird wiederum an die nächste Generation weitergegeben und übernommen. So lange, bis hier ebenfalls eine Anpassung stattfindet, die besser geeignet scheint. Aber der Kern, dass man gemeinsam Weihnachten feiern möchte und mit der Familie zusammen seine Zeit verbringt, bleibt bestehen.

Traditionen, Routinen – was denn nun?

Im Grunde hängen beide Begriffe miteinander zusammen und bestehen platt gesagt aus Strukturen.
Unterscheiden können wir sie vielleicht so:

Traditionen haben wir von unseren Eltern, Großeltern und Menschen, die uns nahestehen, mitgegeben bekommen. Wir haben sie übernommen und gepflegt und hier und da ein paar Anpassungen an unseren Lebensstil vorgenommen.

Routinen sind unsere eigenen kleinen und liebgewonnen Dinge, die wir täglich brauchen, um uns wohlzufühlen. Die Tasse Kaffee am Morgen zum Beispiel. Oder die halbe Stunde Zeitung lesen, Radio hören auf dem Weg zur Arbeit.

Auf der Arbeit haben wir auch bestimmte Vorgehensweisen, was wir als Erstes tun, um den Tag gut beginnen zu können. Dies alles sind kleine „Strukturen“ – Alltagshelfer, die uns dabei helfen, durch den Tag zu kommen und sie sind wichtig, weil wir so besser mit unvorhergesehenen Änderungen klarkommen. Kurz gesagt, ob wir uns nun die Traditionen anschauen, die auch eine Struktur besitzen, oder ob wir in unseren eigenen Alltag schauen, wir finden immer wiederkehrende Abläufe, die sich im besten Falle nicht ändern sollten.

Im Sport ist dies genauso. Jeder Wettkampf hat einen bestimmten Ablauf und klar abgestimmte Regeln, denn sonst wäre der Wettkampf nicht möglich. Wenn niemand wüsste, wann er an der Reihe ist, wie er sich auf einem Schießstand / Schießlinie zu verhalten hat, wäre ziemliches Chaos. Genauso im Training. Hier begegnen wir auch verschiedenen Routinen. Viele haben eine ganz bestimmte Vorgehensweise, sich auf Wettkämpfe vorzubereiten.

Was den Wettkampf betrifft, haben sich irgendwann kluge Köpfe zusammengesetzt und eine Idee, ein Konzept entwickelt, wie sich so ein Wettkampf am besten gestalten lässt, damit jeder eine faire Chance hat. Beim Training wiederum liegt es in unserer eigenen Hand, wie wir es gestalten, dass wir bestmöglich vorbereitet in den Wettkampf ziehen können.

Das Schützenwesen und die Sportschützen

Zugegeben, dieser vermeintliche Gegensatz ist ein wenig provokant. Entschuldigung an dieser Stelle. Aber es trifft das, was einem oft begegnet, wenn man sich mit Vereinskollegen oder Schützen jeglicher Klassen unterhält. Von außen betrachtet wirkt es manchmal, als hätten die sportlich ambitionierten Schützen mit den (ich nenne sie mal liebevoll) Traditionsschützen nichts gemeinsam. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass ebenso jene Schützen sich auf dem Schießstand messen, die gerne ihre Tracht tragen.

Wie kommt es dann dazu, dass man glauben könnte, dass sich zwei Lager gebildet haben? Lager Tradition und Lager Sport. Die Generationen haben sich verändert. Einige junge Schützen teilen nicht mehr alle Ansichten zu Trachten und Marschmusik bei Schützenfesten. Sie erfreuen sich an sportlichen Erfolgen und dem Erreichen ihrer eigenen gesetzten Ziele. Gerade in den Vereinen treffen Generationen aufeinander. Das ist gut und wichtig so. Denn kein Verein kann ohne Nachwuchs und neue Mitglieder seinen Bestand sichern. Ohne Gespräche und ohne Kompromisse geht es aber auch nicht.

So einfach es auch sein mag, in der eigenen Familie eine Anpassung zum Weihnachtsabend vorzunehmen – in einem seit vielen Jahren bestehenden Verein ist das etwas schwieriger. Zum einen ist die Anzahl der betroffenen Mitglieder viel höher und zum anderen jeder Verein besitzt eine Satzung. Ein Regelwerk, was den Verein ausmacht und wofür die Vereine stehen.

Oft wurden Vereine vor vielen Jahren gegründet, wo es einen anderen Lebensstil gab. Und darauf bauten sich die Vereine auf, angepasst an den damaligen Situationen und Lebensstilen. Mit den Jahren verändert sich die Welt und in 10 Jahren wird die Welt erneut anders sein und sich neue Lebensstile entwickeln. Sicherlich müssen auch Vereine in der modernen Welt zurechtkommen und das ein oder andere Verfahren umstellen. Das tun sie auch. Es gibt sicherlich viele Vereine mit digitalen Endgeräten und Menschen, die diese bestens beherrschen. Die Zeiten, in der wir alle leben, sind sehr schnelllebig. Was gestern noch neu war, ist morgen schon Schnee von gestern.

Schützenfeste sind ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – zumindest heute noch in vielen ländlichen Regionen. Hier steht dieser Termin fest im Kalender. Es werden große und tolle Feste gefeiert und man freut sich auf die Zusammenkunft mit den Gastvereinen. Zu diesem Anlass lässt sich der sportliche Aspekt hervorragend mit dem gesellschaftlichen Zusammensein verknüpfen. Zum einen kann der Sport in Szene gesetzt werden (z.B. durch das Bürgervogelschießen – an dem Nicht-Mitglieder teilnehmen konnten und andere Attraktionen) und die Besucher der Schützenfeste können sich als Teil der Gemeinschaft fühlen. Nicht selten gewinnen Vereine zu dieser Zeit neue Mitglieder über diese Schützenfeste. Die Trachten helfen sehr wohl dabei, äußerlich zu zeigen, zu welchem Verein man gehört und ob man überhaupt Mitglied eines Vereins ist.

Allerdings sind auch hier in unserer heutigen Zeit Veränderungen zu spüren. Mit den Jahren entstehen vor allem im urbanen Raum vermehrt auch Discotheken, Festivals und viele andere Lokalitäten, die zum ausgelassenen Feiern einladen. Somit reihen sich die Schützenfeste in die Reihe der vielen Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Beisammensein und des Trubels ein. Der sportliche Aspekt ist nach wie vor geblieben, auch ist der Schießsport in all seinen Varianten immer noch beliebt. Aber heute vielleicht häufiger nicht mehr im Rahmen des Schützenfestes?

Was könnten noch weitere Konfliktpunkte sein? Vielleicht die Kleiderordnung? Tatsächlich gibt es Schützen, die durchaus der Meinung sind, man solle die Kleiderordnung etwas moderner gestalten, weil es Jugendliche gibt, die sich nicht vorstellen können, mit Krawatte unterwegs zu sein – andere wiederum finden das dunkle Grün nicht mehr zeitgemäß. Wieder andere finden, dass man es jedem Mitglied selbst überlassen sollte zu entscheiden, was es nun trägt. Auch ein Punkt, der in einem solchen Gespräch erwähnt wird – die Marschmusik und das Marschieren an sich. Sollte man überhaupt noch marschieren? Ist das zu militärisch? Kann man einen Umzug mit schöner und freudiger Musik mit Schützen in Verbindung bringen? Und wie sehe ein solcher Umzug aus? Mit Tracht oder ohne? Bunt gemischt?

Nur zur Klarstellung: Niemand will und soll den Vereinen sowie den Schützinnen und Schützen vorschreiben, wie sie ihr Vereinsleben leben. Wichtig ist hier die Kommunikation, um etwaigen Streitigkeiten vorzubeugen. Sind sich die Vereinsmitglieder uneinig, lässt sich mit Sicherheit ein guter Mittelweg finden, indem man seinen Mitgliedern anbietet, zum abendlichen Fest vorbeizuschauen, ohne vorher mitzumarschieren, dann aber in angemessener Garderobe. Oder genau anders herum, wer in Tracht beim Marsch dabei ist, kann im Anschluss im Festzelt auch ohne Tracht und stattdessen in einem sportlichen Vereinsshirt erscheinen. Vielleicht kann man bei Jugendlichen auf ein modisches sportliches Outfit umsteigen, welches das Vereinslogo trägt. Das Motto sollte gelten: Jeder nach seiner Fasson – so wie es mehrheitlich im Verein entschieden wird.

Wenn verschiedene Generationen miteinander sprechen, bedarf es immer eines gewissen Feingefühls und vor allem Verständnis für sein Gegenüber. Es ist nicht klug, jüngeren Generationen zu vermitteln, dass Traditionen in Stein gemeißelte Regelwerke sind, denn das sind sie nicht und das haben die Vereine, die bis heute Bestand haben, in all den Jahren bewiesen.

Ebenso wenig sollten jüngere Generationen nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden und Vereinen ihre Wurzeln entreißen. Und ja, Vereine haben Wurzeln, die es ebenfalls zu pflegen gilt. Veränderungen tun immer gut, wenn sie langsam vollzogen werden. Jeder von uns kann mit abrupten Veränderungen schlechter umgehen, als wenn man sich darauf vorbereiten und mit ihnen befassen kann. Insofern braucht es den nötigen Respekt vor dem Geschaffenen und den Mut, neue Wege zu gehen. So können Vereine ihre langen Geschichten bewahren und auf eine gesunde und stabile Zukunft schauen.

Und wer weiß, vielleicht entstehen sogar genau so schöne neue Traditionen, die von einer großen Gemeinschaft, egal welchen Alters, getragen und weitergegeben werden.

Bis bald und weiterhin
Gut Schuss * Alle ins Gold * Alle ins Kill

Tradition mit moderner Note: Armbrustkönig und -königin bei den Scheibenschützen Reuschenberg